
Der Wecker klingelte und der erste Gedanke, noch bevor sie die Augen öffnet, schoß ihr durch den Kopf: Abiturprüfung. Während sie noch im Bett lag, musste sie eine Entscheidung treffen: aufspringen, Panik schieben, wiederholen? Oder liegen bleiben, ausschlafen, gemütlich frühstücken?
Sie dachte nicht lange nach, natürlich nicht, denn ihre Bauchschmerzen verrieten alles. Abitur 2009. ABI: Aufregung, Bauchschmerzen, Innere Zweifel. A, B und I strömten durch ihr Blut, wie Antikörper. Sie sah auf die Uhr. 6:23 Uhr. Nur noch etwas mehr als zwei Stunden, dann würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben vor einer entscheidenden, vor einer vielleicht LEBENSentscheidenden, Prüfung stehen. Sie ließ das Kopfkissen hinter sich und machte sich erneut auf eine Reise durch die Erziehungswissenschaft.
Langsam ging sie die dreckigen Flure entlang, schlich die so bekannten Treppen hoch, und erreichte die Glastür, an der ein Schild hing: Abiturprüfungen. Vor einem Jahr hatte sie hier gestanden und gedacht, dass der Moment an dem sie durch diese Tür gehen würde, noch weit entfernt sei. Doch sie hatte sich geirrt. Nun stand sie hier, hier vor dem roten Schild, beschriftet mit dem Wort, welches ihr in den letzten Wochen solche Angst gemacht hatte.
Als sie durch die Tür ging, fiel ihr als erstes der verbrauchte, stickige Geruch auf. Er war nicht anders, als in den neun vergangen Jahren, doch heute nahm sie ihn besonders intensiv wahr. Der Prüfungsraum war am Ende des Flures und der Weg dorthin schien ihr heute länger als je zuvor. Die meisten saßen schon auf ihren Plätzen- Einzeltische. Lächelnd, verlegen, verstört oder abwesend sahen ihr ihre Mitschüler entgegen. Niemand wusste, was auf sie zukommen würde. Man hörte hier und da irgendwelche Merksprüche; manche fragten sich ab, andere saßen still und bekümmert auf ihrem schon so oft besessenem Stuhl und starrten ängstlich in die Luft.
Der Lehrer trat ein, teilte den Abiturienten die Mappen aus, gefällt mit Zetteln und Vorschreibpapier. Sie sollten sie mit Namen und Seitenzahlen beschriften. Sah man durch den Raum- kahle Wände- fand man auf den Tischen nur das Wesentliche; Stifte, ein oder zwei Flaschen, Taschentücher, Dextro Energy, Beruhigunstabletten (für diejenigen, die es brauchen) und irgendwelche absonderlichen Glücksbringer. Die Taschen lagen vorne. Überall sah sie hysterische Gesichter, zitternde Hände, zuckende Oberschenkel.
Die Stimme des Direktors erklang. Die Prüfung sei sicherlichähnlich, wie die am Dienstag, wir müssten uns keine Sorgen machen. Nichtssagende Worte. Er öffnete den Briefumschlag, in dem sich die Aufgaben befanden und teilte sie aus; ruhig und gelassen. Völlig im Kontrast zu der Stimmung im Raum. 9:01 Uhr. Die Auswahlzeit begann und es gab nun kein Zurück, kein Entfliehen. In diesem Augenblick schlug die Stunde der Wahrheit, die Stunde der Leistungsbeurteilung. Sie las, sie dachte, sie entschied sich; nahm den Stift in die Hand und schrieb ihr erstes Wort auf den Zettel: “Thanatos” (Aggressionstrieb).
Aggressiv bin ich allerdings nicht, ganz und gar nicht. Vielmehr beruhigt, klar denkend und wohl auf. Die Prüfung ist vorüber und all die Aufregung der letzten Wochen fällt für einen Augenblick von mir (solange ich nicht an die nächsten Klausuren denke). Mir ist ziemlich viel eingefallen. Am Ende dachte ich mir, ich hätte zu viel gelernt, weil mir viel zu viel einfiel! Ich habe nur leider die Operatoren, also die Aufgabenstellungen, falsch verstanden und somit meinen Gedankengang wohl falsch gegliedert. Ich hoffe sehr darauf, dass das keine extrem schädigenden Auswirkungen auf mich hat und lebe diesen Tag mit dem Gedanken zuende, dass ich diese Prüfung vermutlich bestanden habe.
Der coolste Spruch kam heute von meiner Oma. Am Küchentisch sitzend, sah sie mich völlig verblüfft an und fragte: “Musst du heute nicht zur Schule?” Ich dachte kurz nach, fragte mich was diese Frage bedeuten sollte und sah auf die Uhr. Der Zeiger stand auf der Acht. “Es ist Acht Uhr abends, Oma!” Einen Moment lang lag auf ihrem Gesicht ein völlig unfassbarer Blick, ein verwirrter, die Welt nicht mehr verstehender Blick. Süße Augen, süßer Schlaf.
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